Guten Tag Frau Sonja Schiff!
Mein Name ist Rudolf - Ich arbeite seit 3 Jahren als Pflegehelfer in einem Grazer Seniorenheim.
Gestern fand ich ihren Blog hier und habe mir erlaubt ihn zu abbonieren. Kurz habe ich auch in "Aufgepasst hier kommt die Pflege" gestöbert. Sie fordern: wir Pflegende sollten mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten.
Gut ich werde ihnen in meine Gedanken dazu übermitteln.
1. Wir Pflegende stehen unter der Verschwiegenheitspflicht.
2. Besonders in der Seniorenpflege sind wir immer wieder in "nicht erzählungswerten Arbeitssituationen"
3. Der Druck in der Arbeit ist meist so groß, daß die mesisten von uns froh sind, wenn sie sich in Ruhe erholen können.
Zu Punkt 1 - Verschwiegenheitspflicht.
Ich selbst merke immer wieder wie speziell die einzelnen Menschen sind. Ich habe einen natürlichen Respekt davor, den Menschen den wenigen Raum noch zu lassen, den sie im Pflegeheim haben, das beinhaltet sie nicht auch noch in die Öffentlichkeit zu zerren. Ehrlich gesagt ich erzähle meinen Kindern und meinen Freunden wenig aus meinem Berufsleben.
Zu Punkt 2 - Arbeitsalltag
Davon den Menschen zu erzählen, daß wir jeden Tag, besonders die Pflegehelfer, mit Urin und Stuhl zu tun haben - wer will das schon hören? Davon zu erzählen unter welchem Zeitdruck wir Menschen das Mittagessen verabreichen - davor schäme ich mich.
Davon den Menschen zu erzählen - daß die Nachmittage meist unter Stumpfsinnigkeiten dahindämmern, weil man selber als Pflegender bis dahin von der Morgenpflege schon ziemlich ausgelaugt ist ..
Und dann am Abend so schnell wie möglich die Menschen ins Bett zu bringen, wer erzählt davon schon gerne ?
Zu Punkt 3 - Ruhebeürfnis
Aus den oben erwähnten Punkten folgert sich dieses Ruhebedürfnis. Und diese Ruhe ist immer wieder notwendig, wir Pflegende sind ja keine gefühlslosen Menschenberuhiger, wir nehmen ja Anteil an den Schicksalen der uns anvertrauten Menschen. Wir arbeiten unter Bedingungen denen ich mich oft nicht ausliefern möchte. Oft denke ich mir, möchte ich der sein, der von mir geflegt und möglichst schnell in den Speisesaal gebracht wird, damit der nächste Mensch auch noch zu seinem Frühstück kommt? Und dann wenn ich nach Hause gehe, muß ich irgendwie abschalten, damit ich mich für den nächsten Dienst, es sind ja auch Nachtdienste zu leisten, erholen kann.
Also mir geht es so. Konkret stehe ich z.B. in einer sehr schwierigen Situation - ich möchte die berufsbegleitende Ausbildung zum Diplompfleger absolvieren - doch ich fand bisher nicht den Mut, auch aus Gründen der Müdigkeit, diesen Schritt zu tun.
So das sind denke ich einige wichtige Gründe, warum wir so wenig in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Ein wesentlicher Punkt ist noch die hohe Eigenverantwortlichkeit. Wir alle haben eine sehr große Verantwortung - Dadurch fühlt sich immer jeder selbst betroffen, wenn irgendetwas "schief" läuft. Und dadurch ist jeder persönlich angreifbar - oder im Umkehrschluß wird jede/r zur Tiegerin oder zum Löwen. Ich meine damit, ich erkenne meine Schwächen und merke wie sich meine Schwächen auswirken können. Jeder Pflegende weiß das. Immer wieder diese persönlichen Betroffenheiten, und das hindert uns gemeinsam vorgehen zu können; hindert die Durchführung von Betriebsratswahlen, ... hindert im Endeffekt eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit.
Jetzt habe ich gerade den Titel geschrieben - Pflege im abgeschirmten öffentlichen Raum - das trifft es sehr gut - uns wird ständig auf die Finger geschaut - Auch wenn wir unser Bestes leisten, können wir das Sterben nicht verhindern. Und Sterben macht schweigsam.
herzlichen Dank für Ihre ausführliche und für Ihre engagierte Stellungnahme. Ich versuche der Reihe nach zu antworten, soweit das möglich ist.
1. Verschwiegenheitspflicht:
Natürlich haben Sie Verschwiegenheitspflicht. aber vor allem in dem Sinne, daß sie keine Namen nennen dürfen und öffentlich nicht in einer Weise über einen Patienten/ Bewohner berichten dürfen, daß man Rückschlüsse auf ihn/ sie ziehen könnte oder auf die Pflegeeinrichtung in der sie arbeiten. Anonymisiert dürfen wir sehr wohl über unsere Arbeit berichten!
Sonst könnte ich keine Beispiele in meinen Seminaren bringen und könnten wir Pflegepersonen keinerlei Öffentlichkeitsarbeit machen.
Außerdem bietet das Internet mit Blogs die Möglichkeit sogar als Pflegeperson anonym zu bleiben - dann ist alles anonym.
2. Arbeitsalltag
Natürlich erzählt man nicht gern über Arbeitsbedingungen mit denen mal selber unglücklich ist. Aber wenn wir weiterhin NICHT darüber reden, dann wird sich auch nie etwas ändern.
Ich glaube es interessiert viel mehr Menschen als wir glauben wie wir arbeiten, was wir denken, was uns ärgert, was uns betroffen macht, wofür wir uns schämen....
3. Ruhebedürfnis
DAS versteh ich zu 100%. Keine Frage. Ich erinnere mich selbst noch gut an meine Müdigkeiten....
Ich verlange von Pflegepersonen aber nicht viel. Sie sollen ja nicht täglich bloggen oder täglich aus ihrer Arbeit berichten. Ich wäre schon zufrieden, wenn sie das ab und zu tun. Oder wenn ein paar Pflegepersonen sich zusammen tun würden und einen Pflegeblog führen würden. Oder wenn sie, so wie Sie jetzt mit diesem Beitrag in meinem Blog, ab und zu Stellung beziehen würden.
Ich bedanke mich daher ausdrücklich bei Ihnen für Ihre Stellungnahme. Sie war authentisch, ehrlich, hat mich betroffen gemacht (und sicher alle anderen LeserInnen auch) und Pflegearbeit ein Stück wahrnehmbarer gemacht.
Ich würde mir im Übrigen sehr wünschen, daß Sie das Diplom machen. Es braucht Menschen wie sie in verantwortlichen Positionen.
DANKE und hoffentlich auf bald!
Grüße
Sonja Schiff
Danke! - für die Ermutigung das Diplom zu machen!
Den Vorschlag einen Pflegeblog zu gründen finde ich sehr gut.
Falls sie eine Idee und Umsetzungsmöglichkeit haben, meine Unterstützung haben sie.
Gestern hatten wir auf unserer Station Teambesprechung.
Unsere PDL - ist sehr korrekt, sie erkennt sehr genau die Probleme die sich aus und in der Pflege ergeben. Im Austausch suchen wir gemeinsam nach der bestmöglichen Art und Weise für die Bewohner ihr Leben im Pflegeheim mehr als menschenwürdig zu gestalten. Wenn ich bedenke, wie vor einem Jahr unsere Demenzstation ausgeschaut hat, so hat sich doch einiges verbessert. Wir als gesamtes Team sind sehr engagiert.
Immer wieder bekommen wir auch positive Echos von den Angehörigen.
Im Moment fällt mir nicht mehr ein.
Ich will ihnen noch sagen, daß sie meine Berichte hier im Sinne einer wirksamen Öffentlichkeitsarbeit verwenden dürfen.
Liebe Grüße Ihr Rudolf.
OT - Pflege im abgeschirmten öffentlichen Raum.
Mein Name ist Rudolf - Ich arbeite seit 3 Jahren als Pflegehelfer in einem Grazer Seniorenheim.
Gestern fand ich ihren Blog hier und habe mir erlaubt ihn zu abbonieren. Kurz habe ich auch in "Aufgepasst hier kommt die Pflege" gestöbert. Sie fordern: wir Pflegende sollten mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten.
Gut ich werde ihnen in meine Gedanken dazu übermitteln.
1. Wir Pflegende stehen unter der Verschwiegenheitspflicht.
2. Besonders in der Seniorenpflege sind wir immer wieder in "nicht erzählungswerten Arbeitssituationen"
3. Der Druck in der Arbeit ist meist so groß, daß die mesisten von uns froh sind, wenn sie sich in Ruhe erholen können.
Zu Punkt 1 - Verschwiegenheitspflicht.
Ich selbst merke immer wieder wie speziell die einzelnen Menschen sind. Ich habe einen natürlichen Respekt davor, den Menschen den wenigen Raum noch zu lassen, den sie im Pflegeheim haben, das beinhaltet sie nicht auch noch in die Öffentlichkeit zu zerren. Ehrlich gesagt ich erzähle meinen Kindern und meinen Freunden wenig aus meinem Berufsleben.
Zu Punkt 2 - Arbeitsalltag
Davon den Menschen zu erzählen, daß wir jeden Tag, besonders die Pflegehelfer, mit Urin und Stuhl zu tun haben - wer will das schon hören? Davon zu erzählen unter welchem Zeitdruck wir Menschen das Mittagessen verabreichen - davor schäme ich mich.
Davon den Menschen zu erzählen - daß die Nachmittage meist unter Stumpfsinnigkeiten dahindämmern, weil man selber als Pflegender bis dahin von der Morgenpflege schon ziemlich ausgelaugt ist ..
Und dann am Abend so schnell wie möglich die Menschen ins Bett zu bringen, wer erzählt davon schon gerne ?
Zu Punkt 3 - Ruhebeürfnis
Aus den oben erwähnten Punkten folgert sich dieses Ruhebedürfnis. Und diese Ruhe ist immer wieder notwendig, wir Pflegende sind ja keine gefühlslosen Menschenberuhiger, wir nehmen ja Anteil an den Schicksalen der uns anvertrauten Menschen. Wir arbeiten unter Bedingungen denen ich mich oft nicht ausliefern möchte. Oft denke ich mir, möchte ich der sein, der von mir geflegt und möglichst schnell in den Speisesaal gebracht wird, damit der nächste Mensch auch noch zu seinem Frühstück kommt? Und dann wenn ich nach Hause gehe, muß ich irgendwie abschalten, damit ich mich für den nächsten Dienst, es sind ja auch Nachtdienste zu leisten, erholen kann.
Also mir geht es so. Konkret stehe ich z.B. in einer sehr schwierigen Situation - ich möchte die berufsbegleitende Ausbildung zum Diplompfleger absolvieren - doch ich fand bisher nicht den Mut, auch aus Gründen der Müdigkeit, diesen Schritt zu tun.
So das sind denke ich einige wichtige Gründe, warum wir so wenig in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Ein wesentlicher Punkt ist noch die hohe Eigenverantwortlichkeit. Wir alle haben eine sehr große Verantwortung - Dadurch fühlt sich immer jeder selbst betroffen, wenn irgendetwas "schief" läuft. Und dadurch ist jeder persönlich angreifbar - oder im Umkehrschluß wird jede/r zur Tiegerin oder zum Löwen. Ich meine damit, ich erkenne meine Schwächen und merke wie sich meine Schwächen auswirken können. Jeder Pflegende weiß das. Immer wieder diese persönlichen Betroffenheiten, und das hindert uns gemeinsam vorgehen zu können; hindert die Durchführung von Betriebsratswahlen, ... hindert im Endeffekt eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit.
Jetzt habe ich gerade den Titel geschrieben - Pflege im abgeschirmten öffentlichen Raum - das trifft es sehr gut - uns wird ständig auf die Finger geschaut - Auch wenn wir unser Bestes leisten, können wir das Sterben nicht verhindern. Und Sterben macht schweigsam.
Liebe Grüße Ihr Rudolf.
Lieber Herr Rudolf,
1. Verschwiegenheitspflicht:
Natürlich haben Sie Verschwiegenheitspflicht. aber vor allem in dem Sinne, daß sie keine Namen nennen dürfen und öffentlich nicht in einer Weise über einen Patienten/ Bewohner berichten dürfen, daß man Rückschlüsse auf ihn/ sie ziehen könnte oder auf die Pflegeeinrichtung in der sie arbeiten. Anonymisiert dürfen wir sehr wohl über unsere Arbeit berichten!
Sonst könnte ich keine Beispiele in meinen Seminaren bringen und könnten wir Pflegepersonen keinerlei Öffentlichkeitsarbeit machen.
Außerdem bietet das Internet mit Blogs die Möglichkeit sogar als Pflegeperson anonym zu bleiben - dann ist alles anonym.
2. Arbeitsalltag
Natürlich erzählt man nicht gern über Arbeitsbedingungen mit denen mal selber unglücklich ist. Aber wenn wir weiterhin NICHT darüber reden, dann wird sich auch nie etwas ändern.
Ich glaube es interessiert viel mehr Menschen als wir glauben wie wir arbeiten, was wir denken, was uns ärgert, was uns betroffen macht, wofür wir uns schämen....
3. Ruhebedürfnis
DAS versteh ich zu 100%. Keine Frage. Ich erinnere mich selbst noch gut an meine Müdigkeiten....
Ich verlange von Pflegepersonen aber nicht viel. Sie sollen ja nicht täglich bloggen oder täglich aus ihrer Arbeit berichten. Ich wäre schon zufrieden, wenn sie das ab und zu tun. Oder wenn ein paar Pflegepersonen sich zusammen tun würden und einen Pflegeblog führen würden. Oder wenn sie, so wie Sie jetzt mit diesem Beitrag in meinem Blog, ab und zu Stellung beziehen würden.
Ich bedanke mich daher ausdrücklich bei Ihnen für Ihre Stellungnahme. Sie war authentisch, ehrlich, hat mich betroffen gemacht (und sicher alle anderen LeserInnen auch) und Pflegearbeit ein Stück wahrnehmbarer gemacht.
Ich würde mir im Übrigen sehr wünschen, daß Sie das Diplom machen. Es braucht Menschen wie sie in verantwortlichen Positionen.
DANKE und hoffentlich auf bald!
Grüße
Sonja Schiff
Danke!
Den Vorschlag einen Pflegeblog zu gründen finde ich sehr gut.
Falls sie eine Idee und Umsetzungsmöglichkeit haben, meine Unterstützung haben sie.
Gestern hatten wir auf unserer Station Teambesprechung.
Unsere PDL - ist sehr korrekt, sie erkennt sehr genau die Probleme die sich aus und in der Pflege ergeben. Im Austausch suchen wir gemeinsam nach der bestmöglichen Art und Weise für die Bewohner ihr Leben im Pflegeheim mehr als menschenwürdig zu gestalten. Wenn ich bedenke, wie vor einem Jahr unsere Demenzstation ausgeschaut hat, so hat sich doch einiges verbessert. Wir als gesamtes Team sind sehr engagiert.
Immer wieder bekommen wir auch positive Echos von den Angehörigen.
Im Moment fällt mir nicht mehr ein.
Ich will ihnen noch sagen, daß sie meine Berichte hier im Sinne einer wirksamen Öffentlichkeitsarbeit verwenden dürfen.
Liebe Grüße Ihr Rudolf.